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Wenn man selbst Teil des Problems ist


Liebe Leser*innen,



diese Rezension thematisiert den Beitrag von Deutschlandfunk Kultur Adipositas. Wie sich Stigmatisierung auf die medizinische Behandlung auswirktvom 06.02.


Zunächst einmal ist grundlegend positiv festzuhalten, dass hier sehr viele Stimmen zu Wort kommen. Das Thema Körpergewicht wird zwar direkt aus medizinischer Perspektive eingeleitet, steht der Artikel doch unter dem Schlagwort „Adipositas“ und geht es doch direkt um die medizinische Behandlung. Dennoch geht es um die Gefahren und Probleme der Stigmatisierung hohen Körpergewichts. Das ist an und für sich erst einmal positiv.

Gleich zu Beginn sticht jedoch ein weiteres Detail negativ ins Auge: Headless Fatty. Der Beitrag wurde mit einem Foto einer Person versehen, die mit dem Rücken zur Kamera steht und nur halb bekleidet ist. Eine Person, von der nur die Arme ins Bild ragen, piekt die dicke Person in den Rücken. Dadurch wird das Körperfett unterstrichen. Der Anschein, dass es sich um eine medizinische Untersuchung handeln könnte, wird lediglich durch die Bildbeschriftung hergestellt. Problematisch ist hierbei, dass die dicke Person auf diese Art und Weise entmenschlicht wird. Sie ist nicht als Person dargestellt, sondern als Objekt, als Körperfett, das präsentiert wird, um Gefühle von Ekel und Angst, selbst so aussehen und betrachtet werden zu können, zu provozieren. Für mehr Informationen zum Problem des Headless Fatty: Headless Fatty (Charlotte Cooper).

Im Artikel geht es zunächst allgemein um die Wahrnehmung hohen Körpergewichts. Insbesondere, wie der medizinische Sektor damit umgeht und welche Probleme dem BMI als unzuverlässlicher Methode innewohnen, für die es aber auch Alternativen gebe. Es wird behandelt, dass abzunehmen für die Betroffenen oftmals ausgesprochen schwierig ist und wie viele Faktoren überhaupt zu hohem Körpergewicht führen. Letztlich wird als ultima ratio ein operativer Mageneingriff eingeführt, im Rahmen dessen von verschiedenen Personen dafür und dagegen argumentiert wird.

Im Laufe des Artikels kommen 5 anonyme Betroffene zu Wort, die von ihrem Ringen mit Vorurteilen sprechen. Sie gehen auch auf konkrete Erlebnisse ein und ihren Schilderungen wird anfangs Raum eingeräumt. Journelle, eine Bloggerin, bringt ebenfalls persönliche Erfahrungen ein.
Expertise bringen verschiedene Personen ein. Als Kritiker bisheriger Vorgehensweisen und üblicher Routinen wird Friedrich Schorb eingebracht, der im Bereich der Public Health-Forschung aktiv ist. Außerdem kommt Mathias Gerl zu Wort, der ein alternatives Verfahren zum BMI vorstellt. Die Risikofaktoren hohen Körpergewichts stellen Frauke Bayer, Expertin für Demenz, und die Internistin Veronika Hollenrieder vor.
Als nächstes wird Maggie De Block erwähnt, die trotz öffentlicher Kritik ihres hohen Körpergewichts belgische Gesundheitsministerin wurde. Dies wird mit Michelle Obama verknüpftet, die als First Lady ein Übergewichtspräventivprogramm lieferte, das jedoch nicht die gewünschten Ergebnisse brachte. Daraufhin wird auf die Bemühungen der ehemaligen deutschen Gesundheitsministerin Renate Künast eingegangen, die das Buch „Die Dickmacher. Warum die Deutschen immer fetter werden und was wir dagegen tun müssen“ veröffentlichte.
Die Forscherin Marie Bernard Forscherin geht auf die verschiedenen Faktoren ein, die zu „Übergewicht“ führten. Dabei wird besonders auf deren Komplexität verwiesen. Es folgt die Einführung derjenigen Betroffene, auf die der Artikel mehrfach zurückgreifen wird: Mandy. Die persönliche Geschichte ihrer Zunahme, die damit verbundenen Probleme sowie die Abnehmversuche kulminieren schließlich – viele Absätze später – in der Entscheidung, sich einer Magenoperation zu unterziehen.
Geschickt wird am Rande wird auf Foucaults Theorie zum gesellschaftlichen Druck Normalisierung durch kontinuierliche Überwachung verwiesen, ohne auf die Bezüge näher einzugehen. Die Schilderungen einer Betroffenen von Mobbing in der Schule und Schorbs Erwähnung einer Erhebung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes werden damit verbunden. In dieser Erhebung konnten Menschen in einem freien Feld Diskriminierung schildern, die nicht in die Kategorien passen, die das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz abdeckt. Die meisten dieser Schilderungen lassen sich der Kategorie Körpergewicht zuordnen.
Daraufhin führt Natalie Rosenke, die Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, aus, wie medizinische Diskriminierung anhand optischer Merkmale erfolgen kann. So habe eine Ärztin einer Patientin gesagt, dass die großflächige OP zur Tumorentfernung ja kein Problem sei, da es bei ihr auf Ästhetik nicht ankomme. Marie Bernard untermauert dies mit der Aussage, dass vor allem der medizinische Sektor hochgewichtige Menschen enorm stigmatisiere. Außerdem habe sie untersucht, ob die Gesellschaft ebenfalls diese Stereotype teile und z.B. dafür sei, dass hochgewichtige Menschen höhere Krankenkassenbeiträge zahlen sollten.
Als Experte für Magen-Operationen wird der Chirurg Christian Denecke angeführt. Er berichtet von den Details des Verfahrens, die erneut durch ein Bild eines Headless Fatty untermalt werden, dessen Bauch gerade operiert wird. Die Internistin Veronika Hollenrieder geht auf Probleme und Risiken der Operation ein, eine Kritik, der Schorb sich insofern anschließt, als dass er die Auflagen der Krankenversicherungen verteidigt. Natalie Rosenke geht darauf ein, wie trotz der Versuche der Krankenkassen, Menschen diese Operation zu verwehren, immer mehr dicke Menschen einem Druck ausgesetzt sind, sich der OP zu unterziehen. Verschiedenste Menschen würden dazu raten, beinahe drängen.

Als nächstes beschreibt der Artikel die psychische Belastung, die durch die Stigmatisierung hohen Körpergewichts entsteht. Es wird auf eine Studie aus dem Jahr 2015 verwiesen, die sich erstmals den physisch messbaren Indikatoren für Stress aufgrund von Stigmatisierung widmet. Die daraus resultierenden Erkrankungen fließen wiederum in statistische Bewertungen der Risiken von „Übergewicht“ ein.
Abschließend wird in einem Rundumschlag noch einmal von der Bloggerin Journelle berichtet, die durch das Internet auf Fett-Aktivistinnen aufmerksam wurde und dadurch zu einem neuen Selbstbild gelangte. Friedrich Schorb weist auf Health At Every Size hin, ein Konzept aus den USA, das sportliche Betätigung von der Vorstellung, abnehmen zu wollen, trennen will. Außerdem wird von Mandys geglückter Magenoperation berichtet und wie positiv ihr Leben, in dem sie sich vor Süßigkeiten ekelt und viel abgenommen hat, sei.

Das Ende des Artikels ist enorm schön, weshalb ich es an dieser Stelle anführen möchte:


Und Maggie de Block? Sie ist nach wie vor Gesundheitsministerin und gilt als eine der beliebtesten Politikerinnen Belgiens.

Als sie einmal in einer Talkshow gefragt wurde, ob sie auch ein Haifisch sei, so wie viele andere Politiker, sagte sie: „Ich halte mich eher für einen Walfisch. Die schwimmen fröhlich herum und beißen nicht.“


Meiner Meinung nach werden in diesem Artikel vielfach die Probleme zwar benannt, aber – um sich gesellschaftlich abzusichern – auch die altbewährten Gegenpositionen miteinbezogen, teils in doppelt so langer Ausführung. Häufig wird auch keine Verknüpfung hergestellt. Dass beispielsweise Renate Künasts Ausdrucksweise genau jenen Stress bei den Betroffenen auslöst, von dem später die Rede ist, wird an der Stelle des Zitats nicht erwähnt. Die Risiken für eine Magenoperation werden erwähnt. Jedoch steht dem das kunstvoll, sich durch zwei Drittel des Textes ziehende Narrativ einer glücklich verlaufenden OP gegenüber.
Da der Beitrag ursprünglich als mündlicher Beitrag konzipiert war, ist die Kritik an Überschriften und Bildern u.U. nicht an Pia Rauschenberger zu richten. Jedoch stellen diese dann dennoch ein Versagen der Redaktion dar, die den Beitrag, der auch als Podcast verfügbar ist, schriftlich so zusammengestellt haben.
Unabhängig von diesen Details lässt sich festhalten, dass der Beitrag dem bekannten Credo folgt: Niemand sollte wegen Körpergewicht diskriminiert werden, aber Abnehmen wäre schon gut; Sie wissen schon: wegen der Gesundheit. Damit entlarvt sich der Artikel selbst als Teil des Problems.

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Willkommen

Liebe Leser*innen, ich bin 27 Jahre alt, angehender Geisteswissenschaftler (Germanistik- & Geschichtsstudium) und dick. Mein Körpergewicht hat seit meinem 7. Lebensjahr, als es sich unabhängig von meinem Wachstum zu mehren begann, zu immer krasseren Reaktionen meiner Umwelt geführt. Erst sehr viel später ist mir bewusst geworden, wie übergriffig, respektlos und gänzlich unangebracht das teilweise war und dass ich so etwas nicht über mir ergehen lassen muss. Dieser Blog reiht sich ein in die zahlreichen Bewegungen, Gruppen und Zusammenschlüsse zu den Themen Body Positivity und Fat Acceptance . Es geht darum, einerseits aufzuklären, wie die oftmals internalisierte (Selbst-)Stigmatisierung von hohem Körpergewicht zustande kommt, andererseits genau diese Mechanismen zu bekämpfen. Ich plane, mit diesem Blog das Thema auf zwei Ebenen anzugehen: Zum einen politisch, zum anderen theoretisch bzw. akademisch. Auf politischer Ebene gibt es auf verschiedenen Ebenen Handlungs...